Ganzheitlicher Ansatz bei Diabetes Typ 2: Ist eine Heilung oder eine Verlangsamung der Krankheit möglich?

Ganzheitlicher Ansatz bei Diabetes Typ 2: Ist eine Heilung oder eine Verlangsamung
der Krankheit möglich?

Der Begriff Diabetes mellitus Typ 2 beschreibt eine chronische Störung des Kohlenhydratstoffwechsels, die sich durch eine gestörte Interaktion des Blutzuckers und der Insulinfunktion zeigt. Dieses komplexe Zusammenspiel gestörter Abläufe ist oftmals begleitet von Übergewicht und einer Störung im Fettstoffwechsel.

„Bedarf es einer lebenslangen medikamentösen Therapie?“, ist eine häufig gestellte Frage. Zu verstehen, wie die Krankheit mit all ihren Faktoren entsteht, ist wichtig, um zu verstehen, wo eine effektive Therapie ansetzt.

Glukose als zentrale Energiewährung

Mit der Nahrung nehmen wir Energie in Form von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweißen zu uns. In Form von Glukose zirkuliert diese Energie durch den Körper – das ist unser Blutzucker – und gelangt zu den Zielzellen. Diese setzten die Energie um oder speichern sie. Als Kurzzeitspeicher dient die Leber und die Muskulatur, Langzeitspeicher ist das Fettgewebe. Bei Energiebedarf greift der Körper zuerst auf die Energie aus den Kurzzeitspeichern zurück.

Im Blutkreislauf ist immer eine gewisse Menge an Glukose vorhanden (= normales Glukosegleichgewicht/Homöostase). Zwischen den Mahlzeiten bzw. während des Fastens (= Zeit keiner Energieaufnahme) hält der Körper die Energie konstant, indem er auf die Glukosereserven in der Leber und Muskulatur zurückgreift oder Fettsäuren aus den Fettdepots abbaut. In diesem Zustand vermindert sich wohlgemerkt nur der Energievorrat der Muskulatur – die Muskulatur selbst geht nicht verloren.

Insulin

Insulin stellt als Hormon die Stellschraube im Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel dar: Es wirkt als Schlüssel und ermöglicht der Glukose den Eintritt in die Zielzelle, wo sie als unmittelbare Energiequelle genutzt oder gespeichert wird. Insulin wird von der Bauchspeicheldrüse produziert und als Antwort auf einen hohen Blutzucker ins Blut abgegeben, z.B. nach einer Mahlzeit. So kann der Körper den Blutzuckerspiegel im Gleichgewicht halten.

Der Körper strebt immer nach einem Glukosegleichgewicht‌‌ ‌‌*vereinfachte Darstellung
(1) Im fastenden Zustand wird Glukose aus den Reserven in die Blutbahn abgegeben.
(2) Nach der Nahrungsaufnahme befördert Insulin Glukose in die Zellen. Der Blutzucker bleibt stabil.

Auch auf den Stoffwechsel unseres Langzeitspeichers – dem Fettgewebe – hat Insulin eine regulierende Aufgabe:

Abbildung "fastender Zustand": Um Fett abzubauen, müssen der Insulin- und Blutzuckerspiegel niedrig und ein Großteil der Energiereserven in der Leber aufgebraucht sein. Ein solcher Zustand signalisiert gleichzeitig Hunger – es kommt zur Nahrungsaufnahme.

Abbildung "Nahrungsaufnahme": Die Nahrungsaufnahme steuert diesem Zustand entgegen. Das Körperfett wird nicht als Energiequelle angezapft: Insulin signalisiert den Fettzellen, verschlossen zu bleiben, da genug schnell verfügbare Energie (Glukose) im Blut vorhanden ist, die in die Fettzelle aufgenommen wird.

Insulinresistenz & die Entwicklung von Diabetes

Bedingen unsere Ernährungsgewohnheiten ein ständiges Überangebot an Energie und Zucker, entwickeln die Zielzellen einen Widerstand gegenüber dem Insulin, um sich vor dem Überangebot an Glukose zu schützen.

Der Teufelskreis in Richtung der Manifestation eines Diabetes mellitus Typ 2 beginnt: Der Blutzucker steigt, da die Glukose nicht in die Zielzelle gelangen kann. Die Bauchspeicheldrüse produziert noch mehr Insulin, um den Blutzucker in Richtung des Glukosegleichgewichts zu senken, doch die Zielzellen blockieren weiterhin diesen Mechanismus. Als Resultat bleibt der Insulinspiegel über einen längeren Zeitraum angehoben (Hyperinsulinämie). Dauert dieser Zustand langfristig an, ermüdet im Verlauf die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse – es kommt zu einem Insulinmangel.

Gerade in der Frühphase des Diabetes, wenn die Leistung der Bauchspeicheldrüse noch nicht herabgesetzt ist, besteht bei rechtzeitiger Diagnose der Krankheit die Chance, den Verlauf durch eine nachhaltige Änderung des Lebensstils selbst in die Hand zu nehmen!

Merke: Insulinresistenz beschreibt den Zustand einer reduzierten Wirksamkeit des Insulins an den Zellen: Insulin sorgt dafür, dass Glukose in die Zielzelle gelangen und dort aus ihr Energie gewonnen werden kann.

Insulinresistenz bedeutet nicht, dass alle Zellen im gleichen Grad betroffen sind. So können z.B. Muskelzellen von einer Insulinresistenz betroffen, Fettzellen hingegen weiterhin insulinsensitiv sein. In diesem Fall kann Glukose nicht zur Energiegewinnung aufgenommen werden und wird stattdessen als Fettpolster gespeichert – oder in der Leber. Dies begünstigt die Entstehung von Übergewicht und Fettleber.

Warum Übergewicht?

Ein hoher Insulinspiegel steht in Verbindung mit Übergewicht. Er signalisiert dem Körper, dass genug Energie vorhanden ist, und diese Stoffwechsellage verhindert den Fettabbau und damit die Gewichtsreduktion. Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 treten deshalb oft zusammen auf. Bis zu 90 % der Diabetiker sind zugleich von Übergewicht betroffen.

Der ganzheitliche Ansatz bei Diabetes

Es stehen grundsätzlich zwei Therapiepfade zur Verfügung: eine langfristige Lebensstil-Anpassung sowie eine medikamentöse Therapie durch orale Medikamente und Insulingaben. Besonders in der Frühphase der Erkrankung zeigen Lebensstil-Interventionen ein gutes Ergebnis. In der Praxis wird dieses Potenzial jedoch häufig nicht ausgeschöpft und rasch zu Medikamenten gegriffen.

Mit fortschreitender Krankheit ist die Wirkstärke oft herabgesetzt. Umso wichtiger ist es, in der Frühphase einzugreifen – wenn noch von einer prädiabetischen Stoffwechsellage gesprochen wird. Das ist meist dann, wenn die Krankheit gerade diagnostiziert wurde – um das Potenzial der Lebensstil-Änderung auszunutzen. Denn so lassen sich das Fortschreiten verlangsamen und Folgekrankheiten vermeiden. Außerdem lässt sich der Beginn der medikamentösen Therapie oft auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Der integrative Ansatz (oder Lebensstil-Veränderung) kann sogar darauf abzielen, eine medikamentöse Therapie zu umgehen, indem man eine Verbesserung der Stoffwechselparameter wie HbA1c, Blutzucker und die Insulinresistenz erreicht. Häufig lässt sich die medikamentöse Therapie in der Frühphase des Diabetes reduzieren oder gänzlich absetzen.

Die Säulen der nicht medikamentösen Therapie ergeben sich aus dem Stoffwechselbedürfnis eines Diabetikers und sollen grundsätzlich als zusammenhängende Bausteine verstanden werden. Der Einfachheit halber werden sie im Folgenden einzeln in ihrer Bedeutung erläutert:

Alternative Behandlungsansätze in der Therapie des Diabetes mellitus Typ 2

Bewegungstherapie

Die Bewegungstherapie ist effektiv, da durch die Muskelaktivität mehr Energie in Form von Zucker verbraucht wird. Außerdem nehmen die Muskelzellen insulinunabhängig Blutzucker auf und unterstützen damit die Regulation des Blutzuckergleichgewichts. Das gilt auch dann, wenn die Insulinwirkung an der Zielzelle herabgesetzt (Insulinresistenz) bzw. der Blutzucker sehr hoch ist und nicht genügend Insulin von der Bauchspeicheldrüse produziert wird.

Ausdauertraining in leichter bis mittleren Intensität und mindestens 4 Stunden Bewegung pro Woche stehen damit ganz oben auf der Liste der effektiven nicht-medikamentösen Behandlungsansätze!

Ernährung

Beteiligt an der Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 ist eine jahrzehntelange Fehl- und Überernährung, und so liegt auch hier der Schlüssel in der Behandlung. Es gibt verschiedene ernährungstherapeutische Ansätze in der Prävention und Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2. Die beste Ernährungsweise ist diejenige, die für den Patienten langfristig gut umzusetzen ist und ihm schmeckt. Ob eine vollwertige mediterrane Ernährung, eine pflanzenbasierte Low-Carb-Diät oder eine Ornish-Diät (vegetarisch fettarme Ernährungsweise) – die Gemeinsamkeit aller ist die Basis an reichlich unverarbeiteten pflanzlichen Lebensmitteln, die in ihrer Zusammensetzung den Kohlenhydratstoffwechsel und den Insulinspiegel günstig beeinflussen. Folgenden Lebensmitteln werden protektive Eigenschaften bei der Behandlung des Diabetes mellitus zugeschrieben.

  • Viel Obst und noch mehr Gemüse, viele Ballaststoffe
  • Bioaktive, sekundäre Pflanzenstoffe: in Pflanzen vorkommende Nährstoffe. Sie machen z.B. die Farbe und den Geschmack einer Pflanze aus. Als Mikronährstoffe unterstützen sie Stoffwechselprozesse im Körper.
  • Ungesättigte Fettsäuren: Sie kommen in pflanzlichen Fetten vor (z.B. Olivenöl, Rapsöl, Nüsse). Ungünstigere Fettsäuren sind die gesättigten. Sie kommen in tierischen Lebensmitteln (wie Butter, Käse, Fleisch, Sahne) vor.
  • Wenig tierische Produkte (z.B. Fleisch, Milch und Milchprodukte)
  • Kontrolle über die Kalorienaufnahme: Durch Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel, denen oftmals Zucker und Fett zugesetzt sind, und den Verzehr pflanzlicher Produkte als Haupt-Lebensmittelquellen mit vielen Ballaststoffen fällt eine Kontrolle über die Kalorienaufnahme leichter.

Fasten

Heilfasten: Das Heilfasten nach Buchinger ist als Teil der integrativen Behandlung bei Diabetes mellitus Typ 2 eine wertvolle Ergänzung. Bei einer Vielzahl der insulinpflichtigen Patienten ist nach dem Fasten der Insulinbedarf reduziert – eine wichtige Voraussetzung für die Gewichtsreduktion. Außerdem werden Blutdruck und der HbA1c rasch gesenkt, Symptome der Fettleber bilden sich zurück und die Insulinresistenz nimmt ab.

Intervallfasten: Daneben sehr effektiv in Bezug auf die Kontrolle von Blutzuckerwerten (Nüchternblutzucker und Langzeitblutzucker HbA1c) ist das Intervallfasten. Es empfiehlt sich ein sehr frühes Abendessen oder gänzlicher Verzicht auf eine Abendmahlzeit. Diabetiker verstoffwechseln die Kohlenhydrat- und Energiezufuhr bis zum frühen Abend besser als danach. (Corley, B. T. et al., Intermittent Fasting in Type 2 Diabetes Mellitus and the Risk of Hypoglycaemia: A Randomized Controlled Trial, Diabet Med, 2007)

Gewichtsreduktion

Die beschriebene Stoffwechsellage bei Diabetikern führt dazu, dass ca. 9 von 10 Diabetikern gleichzeitig an Übergewicht leiden. Bei Diabetikern mit einem Übergewicht von 5-10 % ist aufgrund der guten Aussicht, das Fortschreiten der Krankheit unter Kontrolle zu bekommen, ist eine Gewichtsreduktion im Behandlungspfad immer als Erstes vorgesehen.

Achtsamkeitstraining zur Stressreduktion

Stress in hoher Dosis oder lange anhaltend hat einen Einfluss auf Hormone und Stoffwechselvorgänge und begünstigt die Entwicklung von Übergewicht, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Diabetes. Der Umgang mit der Krankheit Diabetes mellitus Typ 2 und die langfristige Lebensstilveränderung können durch Achtsamkeitstraining wie Entspannungsverfahren zur Stressreduktion effektiv unterstützt werden.

Was kann man erreichen?

Studien (und Erfahrung) zeigen, dass besonders in der frühen Phase der Erkrankung, eine Kombination der Säulen der alternativen Behandlungsansätze in beeindruckender Weise auf die Kontrolle der Krankheit wirkt und den HbA1c Wert als wichtigen Prädiktor für den Verlauf der Krankheit positiv beeinflusst.

Zusammenfassung

  • Diabetes mellitus Typ 2 ist keine unaufhaltbare chronische Krankheit.
  • Eine Dysbalance jahrzehntelanger Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten hat eine Insulinresistenz zur Folge.
  • Ein Zustand der Remission frei von Medikamenten ist ein realistisches Ziel für viele Patienten in der Frühphase der Erkrankung.
  • Eine Lebensstil-Umstellung kann Gewicht, Blutdruck, Blutzucker und Blutfettwerte verbessern – allen voran die Prognose und die Lebensqualität!

Quellen:

Virta study: https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02519309

Therapeutic Fasting in Patients with Metabolic Syndrome and Impaired Insulin Resistance (2013)


Effects of Periodic Fasting on Fatty Liver Index—A Prospective Observational Study (2019)


Marcovecchio, M.;The effects of acute and chronic stress on diabetes control Sci. Signal 2012 Oct 23;5(247):pt10. doi: 10.1126/scisignal.2003508.


https://www.researchgate.net/publication/300718310_Yoga_for_adults_with_type_2_diabetes_mellitus